Der große Kapitalmarktausblick 2021 (Teil 2)

Europa zeichnete sich – wahrscheinlich primär Euro-bedingt – schon in den vergangenen zwei Jahrzehnten durch eine besonders schwache Wirtschaftsentwicklung gegenüber Asien und den USA aus. Im Zuge der Pandemie hat sich Europa überraschend deutlich in Richtung Verschuldungsgemeinschaft entwickelt. Auf Druck primär Frankreichs wurde ein Hilfsfonds in Höhe von 750 Mrd. Euro aufgelegt – insbesondere zur Unterstützung der Corona-geschädigten Mittelmeerländer. Dadurch wurden zusammen mit dem neuen 5-Jahres-Haushalt erstmals europäische Gemeinschaftsschulden in Höhe von über 1,8 Bio. Euro beschlossen. 

Europa abgehängt in der Schuldenunion

Bisher konnte die EU aufgrund des Maastrichter Vertrags keine eigenen Schulden aufnehmen. Der EU-Haushalt wurde durch Beiträge von den Mitgliedsländern finanziert. Nach dem Ausscheiden Großbritanniens fiel der nach Deutschland zweitwichtigste Zahler weg. Die dadurch notwendigerweise fällig gewordenen höheren Beiträge der einzelnen Länder hätte man wahrscheinlich schwer von der EU erheben können und bevorzugt jetzt die neue Schuldenunion.

 

Damit wurde auch das von der deutschen Regierung immer wieder klar abgelehnte Konzept sogenannter Euro-Bonds erstmals de facto durchgesetzt. Die Schuldenunion hat für die Mittelmeerländer inklusive Frankreich den Vorteil, dass sie weitgehend in den Genuss der deutschen Niedrigstzinsen kommen können. Damit ist die Angleichung der Zinsen in Europa wahrscheinlich nur noch eine Frage kurzer Zeit. Die extremen Niedrigst-Zinsen bzw. Negativ-Zinsen und die unter EZB-Zins liegenden LTRO-Unternehmenskredite, die mit zusätzlichen Prämien versehen sind, dürften die europäische Konjunktur 2021 genauso stimulieren wie die für Europa extrem hohen Budgetdefizite. Die dürften in den meisten europäischen Ländern um 20 Prozent für 2020 liegen.

 

Auch 2021 ist erneut mit solcher Extrem-Neuverschuldung zu rechnen. Dies führt dazu, dass die europäische Konjunktur nicht mehr wie seit 2009 durch das von Deutschland angestrebte Prinzip des schrittweisen Erreichens des Haushaltsausgleichs gebremst wird. Stattdessen wird, ähnlich wie in den USA und Asien, kräftig fiskalpolitisch Gas gegeben, nachdem man zehn Jahre lang die Konjunktur in Europa mit dem Bestreben nach Haushaltsüberschüssen à la Deutschland extrem geschwächt hatte.

 

Weltweit günstige Konjunkturaussichten – besonders in Europa

Die Konjunkturaussichten dürften also nicht nur für die USA und Asien, sondern auch oder sogar besonders in Europa für 2021 sehr günstig sein – immer unter der Voraussetzung, dass die Pandemie-Probleme entweder durch ein Abklingen der Virusbelastungen oder durch Impferfolge stattfinden. Mit besserer Konjunktur sollten auch die Unternehmensgewinne in Europa ihre gegenüber USA und Asien in den vergangenen zehn Jahren fiskalpolitisch bedingten Rückstände aufholen können. Das einzige Land, das sich in den vergangenen Jahren einer Maastricht-konformen fiskalpolitischen Bremsung entzogen hatte, war Frankreich.

 

Nach Japan hat Frankreich die weltweit höchste Gesamtverschuldung, wenn man Staat, private Haushalte und vor allen Dingen Unternehmen – dort die höchste Verschuldung weltweit – zusammenrechnet. Auch in absoluten Zahlen sind die französischen Staatsschulden in Europa größer als in Deutschland oder Italien. Bei gemeinsamer Währung ist es sinnvoll, sich im nationalen Interesse konjunkturstimulierend maximal zu verschulden. Mögliche Negativ-Folgen müsste die Gemeinschaft tragen – und nicht der Schuldenverursacher allein. Frankreich könnte also konjunkturell und am Aktienmarkt 2021 im Hinblick auf anhaltende Maximalverschuldung und von Emmanuel Macron à la Gerhard Schröder durchgesetzte Reformen in Europa besonders gut abschneiden.

 

Asiatische Börsen mit niedrigen Bewertungen und hohem Wachstum

Weltweit ist ein erneut gutes Abschneiden der asiatischen Börsen inklusive Japan realistisch. Dort sind die Bewertungen im internationalen Vergleich niedrig und das Wachstum hoch. Positiv ist auch der neue Wirtschaftspakt der asiatischen Länder inklusive Australien – mit China als Führungsmacht. In den USA ist zwar eine Überbewertung und ungesunde Konzentration der Anlegergelder in Internet-Gesellschaften zu beobachten – aber viel spricht dafür, dass die Amerikaner ihren Internet-Vorsprung international sogar ausbauen können. Dem entgegen könnten allerdings US-amerikanische Anti-Monopol-Interessen stehen, weil zur Förderung des Wettbewerbs die Internet-Giganten aufgeteilt werden könnten. Bei den Demokraten herrscht hier eine noch größere Abneigung gegen die Internet-Giganten als bei den Republikanern, die bereits zu Trump-Zeiten mit Initiativen in dieser Richtung begonnen hatten.

 

Überbewertet: US-Wachstumswerte

Im Grunde wäre es nur gesund, wenn die Aktienmärkte international auch auf breiterer Front steigen könnten. Mangels weltweiten Wachstums wurden die Anlegergelder bisher fast ausschließlich in die US-Wachstumswerte von institutionellen und privaten Anlegern investiert. So sind fünf Internet-Giganten in den USA dreimal so hoch bewertet wie alle Aktien in Deutschland und Großbritannien zusammengenommen. Wie ungesund die Verhältnisse bei den Bewertungen teilweise zuletzt waren, zeigt ein aktueller Vergleich: Die größte Aktiengesellschaft zur Vermittlung von Digitalkonferenzen war etwa zwei Drittel so viel wert wie alle europäischen Telekommunikationsgesellschaften zusammengenommen. Solche Vergleiche erinnern bereits an die Überbewertungen des Jahres 2000.

 

Value-Aktien mit erheblichem Nachholpotenzial

Obwohl der Vergleich mit 2000 aus mehreren Gründen nicht genau vollzogen werden kann, muss bei erfolgreicher Aktienanlage auch im Sektor der Wachstumsaktien genau differenziert werden. Sogenannte Value-Aktien, die von einer allgemeinen Wirtschaftsbesserung profitieren dürften, sollten erhebliches Nachholpotenzial haben. Die Aktienindizes spiegeln zwar deutliche Gewinne in den letzten drei Jahren wider. Ungewichtet liegt die überwiegende Mehrzahl der Aktienkurse heute aber immer noch unter den Hochs vom Januar 2018. Der Deutsche Aktienindex liegt – verglichen mit internationalen Maßstäben wie dem S&P 500 – heute immer noch wesentlich unter seinem historischen Höchststand aus dem Jahre 2000. Das zeigt, dass Aktien heute keineswegs überbewertet sind – vor allen Dingen nicht vor dem Hintergrund der rekordniedrigen Zinssätze, die aus konjunkturellen Gründen von den Notenbanken länger tief gehalten werden müssen. Sonst dürften die nach wie vor international drückend hohen Schulden ein Problem werden.

 

Im Fokus: Gold und Anleihen bei Rezession – Aktien bei Wirtschaftserholung

Gold war lange neben langlaufenden Staatsanleihen die Favoritenanlage des Jahres 2020. Erst als die Zinsen, besonders bei Langläufern, Richtung Jahresende anzogen und der Realzins wieder zunahm, kam die Goldanlage unter Druck. Hinzu kam, dass aus markttechnischer Sicht besonders amerikanische Hedge-Fonds extrem einseitig in der Goldanlage überinvestiert waren, während die traditionellen Käufer aus China und Indien in 2020 ausblieben. Gold und Staatsanleihen sind ein Optimum bei einer schweren Rezession. Bei besserer Wirtschaftsentwicklung – was man für 2021 annehmen kann – sollte sich der Aktienmarkt auf breiter Front positiv entwickeln, zumindest im 1. Halbjahr.

USA, Notenbank und mehr

Wie Dr. Jens Ehrhardt die Entwicklung insbesondere für die USA einschätzt und welche Faktoren aus seiner Sicht hier tonangebend sein werden, erfahren Sie in Teil 1 des großen Kapitalmarktausblicks 2021 (Hier klicken).

Dr. Jens Ehrhardt

Der Autor

Dr. Jens Ehrhardt

Gründer, Hauptaktionär und Vorstandsvorsitzender der Gesellschaft ist Dr. Jens Ehrhardt, dessen Talent im Umgang mit Kapital bereits in den 1960er Jahren während seines wirtschaftswissenschaftlichen Studiums entdeckt wurde. Nach fünfjähriger Partnerschaft in der seinerzeit größten deutschen Wertpapier-Vermögensverwaltungs-Gesellschaft promovierte er 1974 über "Kursbestimmungsfaktoren am Aktienmarkt". Im selben Jahr legte er den Grundstein für den Aufbau unserer Firmengruppe, die er von Beginn an leitet. Herr Dr. Jens Ehrhardt verantwortet neben seiner Rolle als Vorstandsvorsitzender noch die Bereiche Risikomanagement und Unternehmens-/Anlagestrategie.

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