Marktkommentar Juni 2022: Hoffnung auf Geldpolitik nach Augenmaß

Sorgen um das Wachstum überlagern die um die Inflation. In diesem Umfeld steigt die Hoffnung auf eine gemäßigtere Geldpolitik der US-Notenbank. In Europa dagegen steht die Zinswende noch aus. Geldpolitik per Autopilot dürfte den Börsen schaden, nach Augenmaß jedoch von Vorteil sein.

Die Autoren

Das Analystenteam von DJE beobachtet und bewertet die Märkte laufend anhand der hauseigenen FMM-Methode nach fundamentalen, monetären und markttechnischen Kriterien. Einmal im Monat fassen sie ihre Ergebnisse zusammen. Im Gespräch mit dem Wall Street Experten und Finanzjournalisten Markus Koch geht der Leiter der DJE Research Abteilung, Stefan Breintner, auf die zentralen Thesen ein.

 


Überblick

Auch der Mai 2022 war – nach dem sehr schwierigen April – kein einfacher Börsenmonat. Trotzdem konnten wir uns mit unseren relativ hohen Aktienquoten im Mai gut behaupten. Kurzfristige Prognosen bleiben bis auf Weiteres schwierig. Das Marktumfeld bereitet Investoren aus den verschiedensten Gründen weiterhin Bauchschmerzen, allen voran das geopolitische Risiko des Russland-Ukraine-Kriegs, die Zinsanhebungen bzw. die geldpolitische Straffung der US-Notenbank und die konjunkturelle Lage Chinas. Vor allem die monetären Indikatoren sehen kurzfristig nicht gut aus. Die Markttechnik ist nach wie vor sehr gut: Es herrscht immer noch ein sehr großer Pessimismus, und viele markttechnische Indikatoren liefern daher Kaufsignale.

 

Aktien/ANLEIHEN

  • Ausgewählte Anleihen bieten wieder Chancen
  • Defensive Aktien weiterhin im Fokus
Mischfonds mit hohen Aktienquoten haben sich im laufenden Jahr meist besser geschlagen als solche mit hohen Anleihequoten. Aus unserer Sicht ist es auch weiterhin angebracht, stärker auf Aktien zu setzen. Die Aktienquoten sollten daher hoch bleiben. Wir halten einen Fokus auf defensive Aktien unverändert für sinnvoll. Aktien von Unternehmen mit hoher Preissetzungsmacht und damit stabilen oder im Idealfall steigenden Margen bleiben langfristig voraussichtlich die beste Anlagealternative. Dagegen sollte die Anleihequote niedrig bleiben: Das Umfeld für Anleihen bleibt aufgrund der stark steigenden Inflation und der erwarteten Zinsanhebungen, v.a. in den USA, mittelfristig schwierig.

VOLKSWIRTSCHAFT/REGIONEN

  • Gegenläufige Inflationseffekte
  • Mittelfristige Inflations- und Zinserwartungen nehmen bereits ab
  • Situations- bzw. datenabhängige Fed-Politik könnte der Börse helfen
  • China bleibt schwierig einzuschätzen und risikoreich

Sollte die US-Notenbank Fed ihren Zinserhöhungs- und Liquiditätsrückführungsprozess (Quantitative Tightening) per Autopilot fortsetzten, dürfte es für die US-Konjunktur und damit auch für die US-Börsen schwierig werden bzw. bleiben. Allerdings gibt es beim volkswirtschaftlich dominierenden Thema der Inflationsentwicklung auch positive Nachrichten bzw. gegenläufige Inflationseffekte: So verbessert sich die Verfügbarkeit von Waren. Vor allem bei Halbleitern steigen die Lagerbestände seit einiger Zeit wieder. Online-Werbung wird aktuell günstiger, und es ist wieder mehr Personal im höheren Einkommenssegment (auch IT-Fachkräfte) verfügbar.

 

Die Mindestlöhne steigen zwar weiter, aber der Druck auf die Löhne für hochqualifiziertes Personal nimmt ab. Einige große Unternehmen scheinen zu viel Personal eingestellt zu haben und entlassen bereits wieder, wie z.B. große US-amerikanische Internetkonzerne. Die mittelfristigen Inflations- und Zinserwartungen (für die kommenden 2, 5 und 10 Jahre) nehmen daher bereits ab. Der Börse könnte es helfen, wenn die Fed ihre Geldpolitik situations- und datenabhängig gestaltet. China bleibt weiterhin schwierig einzuschätzen: Die Probleme auf dem Immobilienmarkt bleiben bestehen. Außerdem wird sehr wenig Land verkauft, und damit fehlt den Kommunen auch das Geld, um z.B. über Infrastrukturinvestitionen konjunkturell anzukurbeln. Die Gesamtwirtschaft in China ist nach wie vor angeschlagen. Selektiv bieten sich zwar Chancen, aber insgesamt lassen wir gegenüber der Anlageregion China Vorsicht walten.


Sektoren

  • Basiskonsumgüter oft zu stark übergewichtet
  • „Ausgebombte“ Tech-Werte könnten wieder Chancen bieten

Die Branchenauswahl bleibt schwierig. Basiskonsumgüter sind bei vielen Investoren zurzeit stark übergewichtet. Wir halten es für sinnvoll, größere Übergewichtungen in diesem Sektor zu überdenken. Dagegen könnten die stark angeschlagenen Technologiewerte wieder Chancen bieten. Auch chinesische Tech-Werte sind sehr günstig bewertet und könnten mittelfristig vom nachlassenden Regulierungsdruck profitieren.

 

Aktien/Bewertung

  • Wert vor Wachstum
  • Preissetzungsmacht und Profitabilität entscheidend

In den vergangenen Jahren standen vor allem Kriterien wie das Umsatzwachstum im Fokus der Investoren. Das könnte sich in den nächsten Jahren ändern. Kriterien wie die Preissetzungsmacht von Unternehmen und eine starke Marktposition bzw. Fähigkeit die Margen zu halten, werden aus unserer Sicht in den nächsten Jahren wichtiger werden. Die Aktien jener Unternehmen, deren Profitabilität sich nicht verschlechtert, dürften künftig relativ gut laufen bzw. sich überdurchschnittlich entwickeln. Auch Kriterien wie Bewertung und Dividende dürften weiterhin eine größere Bedeutung haben als in den vergangenen Jahren.

 

 

Währungen/Rohstoffe/Gold

  • US-Dollar entwickelt sich seitwärts
  • Steigende Anleihenrenditen bremsen Gold

Wenn sich die US-Konjunktur abschwächt, könnte der US-Dollar zur Schwäche neigen. Wir erwarten daher eine Seitwärtsentwicklung des US-Dollar-Kurses. Auch in Europa herrscht konjunktureller Gegenwind. Aber sollte die EZB-Chefin Christine Lagarde die Zinsen in Europa anheben, wird sie dies unseres Erachtens nur sehr langsam tun. US-Dollar-Absicherungen halten wir daher derzeit nicht für notwendig. Der Goldpreis entwickelte sich im Mai enttäuschend, sowohl in US-Dollar (-2,9%) als auch in Euro (-4,4%).

 

Vor allem die steigenden Anleiherenditen wirkten sich negativ auf die Goldpreisentwicklung aus. Eine Seitwärtsentwicklung des US-Dollar würde sich tendenziell eher positiv auf den Goldpreis auswirken. Es gab zuletzt weniger Goldoptimisten, und Netto-Future-Long-Kontrakte waren wieder rückläufig. Gold behält aber seinen „Hedge-/Absicherungs-Charakter“, z.B. für den Fall einer weiteren geopolitischen Eskalation. Gold sollte aus unserer Sicht daher weiterhin Portfolio-Bestandteil bleiben. Im Falle eines möglichen Embargos gegen russisches Öl dürfte der Ölpreis erneut deutlich anziehen. Ein Gasembargo würde Europa und vor allem Deutschland mit hoher Wahrscheinlichkeit in eine scharfe Rezession führen.

Stefan Breintner

Der Autor

Stefan Breintner

Stefan Breintner ist Leiter des Bereichs Research & Portfoliomanagement. Als Teil des sechsköpfigen DJE-Strategieteams ist er für die gesamte Asset-Allokation von DJE mitverantwortlich.

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