Rezession und Aktienmarkt: Was Anleger jetzt wissen müssen

„Furcht vor der Rezession“, „Börsianer stellen sich auf Rezession ein“, „Eine Frage der Zeit? Die Rezession wird kommen“ – wer dieser Tage die einschlägigen Wirtschaftsmedien durchforstet, der kommt an dem Begriff der Rezession nicht oder nur schwer vorbei. Die Experten sind sich, mit Abstufungen, weitestgehend einig: Wahlweise ist eine Rezession unausweichlich, sehr wahrscheinlich oder sogar bereits über uns hereingebrochen. Bei all der aufgebrachten Rhetorik stellt sich bei AnlegerInnen unweigerlich ein ungutes Gefühl ein. Muss ich um meine Investitionen fürchten, wenn der Konjunkturzyklus eine Rezession erreicht? Und was genau verbirgt sich überhaupt hinter dem Begriff Rezession?

Was genau ist eine Rezession?

Orientiert man sich an der aktuellen Berichterstattung, so entsteht leicht der Eindruck, dass eine Rezession die Tiefphase eines Konjunkturzyklus oder noch viel eher die vollständige wirtschaftliche Apokalypse darstellt. Tatsächlich handelt es sich bei der Rezession um die Phase des Abschwungs. Charakterisiert wird sie durch eine abnehmende Wirtschaftsleistung. Experten sprechen dann von einer Rezession, wenn das Brutto-Inlandsprodukt (BIP)1 einer Volkswirtschaft in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen im Vorjahresvergleich rückläufig ist. Dabei ist egal, wie klein oder groß die Diskrepanz zwischen den Vergleichswerten ist.

 

Woran erkenne ich eine Rezession?

Neben dem rückläufigen BIP gibt es noch weitere Kennzeichen einer Rezession. Sie lassen erahnen, wieso eine Rezession im Allgemeinen als wenig angenehm empfunden wird:

  • fallende Börsenkurse
  • sinkende Produktion
  • abnehmende Lohnniveaus
  • zunehmende Arbeitslosigkeit
  • Rückgang der Nachfrage und des Konsums
  • pessimistische Marktprognosen
  • überhohe Lagerbestände
  • sinkende Preise

Generell gilt: Nicht jede Rezession ist gleich, weswegen die Merkmale im Einzelfall abweichen können.

 

Warum ist eine Rezession ein volkswirtschaftliches Problem?

Eine Volkswirtschaft, die sich abkühlt und an Fahrt verliert, kennt viele Verlierer. Dazu gehören vor allem die Beschäftigten im Niedriglohnsektor sowie Haushalte mit geringerem Einkommen. Viele Unternehmen werden zu Sparkursen gezwungen und setzen in der Regel darauf, mittels Reduzierung der Personalkosten ihre fundamentalen Daten zu verbessern. Die Sozialsysteme werden durch zunehmende Arbeitslosigkeit belastet. Abnehmender Konsum wiederum verringert staatliche Steuereinnahmen und die Umsätze der Unternehmen. Und nicht jedes Unternehmen überlebt einen solchen wirtschaftlichen Abschwung.

 

Welche positiven Effekte KANN eine Rezession HABEN?

Bei allen Schwierigkeiten, die für Menschen, Unternehmen und Staat innerhalb einer Volkswirtschaft durch eine Rezession entstehen, kann eine Rezession auch Positives bewirken. Unternehmen, deren Geschäftsmodelle etwa nicht tragfähig sind, werden durch eine Rezession ausgesiebt. So findet eine gewisse Form der Bereinigung statt, was starken und gut geführten Unternehmen in die Karten spielt. Die Überhitzung, die in der Phase der Hochkonjunktur eingesetzt hat, kühlt allmählich ab. Und bereits die Überhitzung ist gekennzeichnet von teils negativen Merkmalen:

  • geringes oder stagnierendes Wachstum
  • Teilmärkte verzeichnen bereits Rückgänge
  • Übertreibungen und zu starker Optimismus führen zu Fehlinvestitionen
  • Preise fallen
  • Konsolidierungsprozesse
  • fragmentierte Märkte erfahren stärkere Konzentration

Insofern ist die derzeit stattfindende Verteufelung der Rezession nur die halbe Wahrheit. Eine Rezession ist eine vielschichtige Konjunkturphase, die eine Volkswirtschaft durchaus wieder auf einen langfristig stabileren Weg führen kann.

 

Der Blick zurück

So dramatisch, wie derzeit über eine drohende Rezession berichtet wird, könnte der Eindruck entstehen, dass dieses Phänomen nur sehr selten Auftritt und die letzte Rezession Jahrzehnte zurückliegt. Tatsächlich reicht ein Sprung zurück in das Corona Jahr 2020, um fündig zu werden. Laut den Daten des Bureau of Economic Analysis (BEA)2,  wiesen die ersten beiden Quartale eine negative GDP Entwicklung im Vorjahresvergleich auf. Durch eine massive monetäre und fiskalpolitische Anstrengung konnte die Rezession schnell gestoppt werden.

Ein solcher Eingriff erscheint vor dem Hintergrund des aktuellen Inflationsgeschehens allerdings noch unwahrscheinlich. Erst eine Entspannung auf Seiten der Teuerungsraten könnte den Notenbanken wieder mehr Manöver-Freiheit geben. Insofern taugt die Corona-Rezession nur bedingt als Vergleich.

 

Krieg, Öl und Inflation – Geschichte wiederholt sich

Also blicken wir etwas weiter zurück. Anfang der 90er rutschte die US-Wirtschaft in eine Rezession. Ausgelöst von einem restriktiven Kurs der US-Notenbank Federal Reserve, um die steigende Inflation zu bekämpfen. Steigende Ölpreise trugen maßgeblich zum Anziehen der Inflation bei. Wichtigster Preistreiber: der Überfall des Iraks auf Kuwait. Der so genannte Ölpreis-Schock hielt rund neun Monate an – bis eine internationale Koalition unter Führung der USA Saddam Husseins Truppen zurückdrängen und die Ängste um die Ölversorgung auflösen konnte.

 

Aktienmärkte und Rezessionen

Insgesamt gilt die 90er Rezession der US-Konjunktur als vergleichsweise milde und mit einer Dauer von nur acht Monaten fiel sie kurz aus. Dennoch wurde sie von einem Bärenmarkt flankiert, in dessen Spitze der S&P 500 in nur 68 Tagen 20% verlor. Auch global kühlte das Wirtschaftsklima ab, sodass die europäischen Aktien (MSCI Europe) ebenfalls in einen Bärenmarkt gerieten. Dieser dauerte 131 Tage und verlor bis zu 24%. Besonders lehrreich ist allerdings nicht der Blick auf die maximalen Verluste der Bärenmärkte, sondern viel mehr die Erholung der Aktienmärkte nach diesen Rückschlägen.

 

What comes down, must go up again

Nur drei Monate vom Tiefpunkt des Bärenmarkts entfernt sah die Welt der Aktienmärkte bereits ganz anders aus. Der S&P 500 lag bereits wieder bei einem Plus von 23%, der MSCI Europe notierte bei +25%. Ein Einzelfall, den die Märkte dem Milden Rezessionsverlauf zu verdanken hatten? Nicht ganz. Die Statistik zeigt, dass der S&P bei Bärenmarkten im Schnitt sechs Monaten nach dem Tiefpunkt bei +25%, 12 Monate danach sogar bei +36% steht. Dem gegenüber steht ein durchschnittlicher Drawdown von 34%. Ein ähnliches Bild zeigt sich in den anderen Indizes. Der MSCI Europe liegt ein Jahr nach Bärenmarkt-Tiefpunkten bei einem Plus von 34%, während der Drawdown 32% beträgt. Und auch der Weltindex MSCI All Country World steht in Bärenmärkten nach 12 Monaten mit 32% Erholung einem Drawdown von 25% gegenüber.

 

Härtefälle

Sogar die Bärenmärkte, die besonders lang und heftig waren, etwa während der Rezessionen Anfang der 2000er (New Economy Blase) und während der großen Finanzkrise ab 2007, konnten sich mit etwas Distanz wieder erholen. Bei ersterer verlor der S&P bis zu 49% und konnte bis 12 Monate nach dem Tiefpunkt immerhin 33 Prozent wieder gutmachen. Bei zweiterer ging es sogar 57% nach unten, dafür folgte eine Erholung von 68% ein Jahr später.

 

Übersicht Rezessionen und Bärenmärkte seit 1990

Start

Ende

Bärenmarkt in Tagen

Rückgang maximal

Stand 12 Monate

nach Tiefpunkt

Jul 1990

Okt 1990

64

–20%

29%

Mrz 2000

Okt 2002

664

–49%

33%

Okt. 2007

Mrz. 2009

370

–57%

68%

Feb 2020

Mrz. 2020

24

–34%

76%

Jan 2022

?

116

–22%

?

Entwicklung des S&P500 in Bärenmärkten iVm Rezession. Stand 14.06.2022; Quelle: Morgan Stanley Research

 

Was ist zu tun?

Wir konstatieren: Rezessionen sind keinesfalls harmlos, sondern mit Vorsicht zu genießen. Sie können einer Volkswirtschaft perspektivisch helfen. Aktienmärkte und Rezessionen vertragen sich nicht besonders gut, dennoch haben die Märkte sich, historisch betrachtet, bisher immer wieder erholt. Für Anleger bedeutet das vor allem eines: Ruhe bewahren. Die Lage ist angespannt, aber Aktionismus ist oft der Holzweg.

 

Es gibt immer Lichtblicke

Breite Abschwünge an der Börse und in der Wirtschaft sind schmerzhaft. Große, rote Zahlen sieht kein Anleger gern im Portfolio. Aber: Nicht jede Aktie, nicht jedes Unternehmen leidet in einem solchen Negativszenario gleichermaßen. Schon auf Sektor-Ebene werden Unterschiede deutlich. Die Automobil-Industrie etwa muss mit durchschnittlich -61% maximalem Drawdown in Marktkrisen vergleichsweise hohe Verluste verkraften. Auch der Immobiliensektor gehört zu den Krisen-Sorgenkindern mit -59% durchschnittlichem maximalen Drawdown.

Als Krisen-resistenter erweisen sich die Wirtschaftszweige, auf die Verbraucher auch in schweren Zeiten nicht verzichten können. Basiskonsumgüter, wie Haushaltswaren und Lebensmittel, führen das Feld mit einem maximalen durchschnittlichen Drawdown von 23% an. Auch der Gesundheits-Sektor steht in Krisenzeiten mit einem Drawdown Durchschnittswert von 31%, zumindest relativ gesehen, besser dar als viele andere Bereiche.

 

Selektive Chancen

In der aktuellen Marktphase beweisen diese Bereiche, zumindest bisher, erneut ihre Resilienz. Aber auch der Telekommunikationssektor, Versorger und Versicherungsunternehmen stehen relativ gut da, weil sie über einen festen Kundenstamm mit meist lang laufenden Verträgen verfügen.. Aus Sicht des Anlegers heißt das: Genau hinzuschauen kann sich lohnen. Das gilt natürlich auch für den aktiven Manager, der in dieser Marktphase besonders gefordert ist. Anleger, denen diese Marktphase zu heiß ist, können ihr Portfolio möglichst Risiko reduziert aufstellen: Defensive Aktien, höhere Cashquote, gegebenenfalls eine höhere Anleihenquote oder eine Goldbeimischung. Vollständig auszusteigen kann im schlimmsten Fall sehr teuer werden. Denn weder klingelt die Börse zum Ausstieg noch zum Wiedereinstieg.

 

Der Blick nach vorn

Kommt eine Rezession? Die Lage ist zweifelsohne ernst und viele Experten sind sich sicher, dass an einer Rezession kaum noch ein Weg vorbeiführt. Letztlich gibt es in der Gleichung viele Unbekannte, zu denen maßgeblich das zukünftige Verhalten der US-Notenbank gehört. Diese steht innenpolitisch ob der hohen Inflation unter Druck. Aber auch zu stark steigenden Zinsen und eine Rezession würden das politische Klima in den USA nicht verbessern. Diese zinspolitische Bremse kombiniert mit hoher Inflation und den derzeitigen geopolitischen Risiken macht es Anlegerinnen und Anlegern nicht gerade leicht.

Bei Aktien und Unternehmensanleihen kommt es gerade jetzt auf eine gut geprüfte Auswahl an. Den Markt und die entsprechenden Wirtschaftsindikatoren genau im Blick zu halten, und sich flexibel anzupassen, daran führt jedenfalls kein Weg vorbei. Deswegen überwacht das DJE Research Team täglich das globale Wirtschaftsgeschehen und passt die Portfolios unserer Kunden entsprechend an, um bestmöglich gewappnet zu sein.

 

Fußnoten

1. Das Bruttoinlandsprodukt ist eine offizielle Messgröße für die Wirtschaftsleistung einer Volkswirtschaft. Es misst die Gesamtproduktion aller Waren und Dienstleistungen im Inland nach Abzug aller Vorleistungen.

2. Quelle: U.S. Bureau of Economic Analysis, Gross Domestic Product, Second Quarter 2021 (Advance Estimate) and Annual Update | U.S. Bureau of Economic Analysis (BEA)

Sebastian Hasenack

Der Autor

Sebastian Hasenack

Herr Hasenack ist studierter Diplom-Ökonom und beschäftigt sich seit 2015 mit digitaler Geldanlage. Er ist Mitgründer der ersten digitalen Vermögensverwaltung aus Luxemburg. Als verantwortlicher Geschäftsführer konnte er B2C sowie B2B-Modelle eines FinTechs begleiten. Vor der online Variante arbeitete Herr Hasenack im Portfolio- und Fondsmanagement einer klassischen Vermögensverwaltung. Bei Solidvest ist Herr Hasenack als Leiter verantwortlich für Vertrieb und innovative Kooperationsmodelle.

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