Tapering: Ein notwendiges Übel?

Es ist so weit: Die Federal Reserve hat nach beinahe 20 Monaten angekündigt, den Fuß vom monetären Gaspedal zu nehmen. Stattdessen erwartet uns jetzt das so genannte „Tapering“. Doch was genau ist „Tapering“ überhaupt? Ist es tatsächlich eine Gefahr für den Kapitalmarkt? Wir erklären, was sich genau hinter dem Begriff verbirgt und warum Tapering vielleicht doch eher ein notwendiges Übel als eine große Gefahr ist.

 

Was bedeutet „Tapering“?

Zum Begriff: Tapering entstammt eigentlich der Sportwissenschaft und beschreibt das Zurückfahren der Trainingsintensität vor einem Wettkampf. Im Kontext Kapitalmärkte und Finanzen steht Tapering für die Rückführung einer expansiven Geldpolitik, die die Notenbanken eingesetzt haben, um eine ins Straucheln geratene Wirtschaft wieder zu stimulieren und zu stabilisieren. Eine solche expansive Geldpolitik besteht in der Regel aus großen Anleihenkaufprogrammen und wird dann eingesetzt, wenn konventionelle Methoden, wie beispielsweise die Absenkung des Leitzinses, nicht den gewünschten Effekt erzielen. Diese Notenbankmaßnahmen sind als quantitative Lockerungen (oder englisch quantitative Easing) bekannt. Ohne in die Diskussion einzusteigen, ist es wichtig anzumerken, dass quantitative Easing in Fachkreisen keinesfalls unumstritten ist.

 

Krisenpolitik

Ein extremes Beispiel für genau diese Form der expansiven Geldpolitik waren die vergangenen 18 Monate. Als Corona im März 2020 mit voller Wucht die US-Wirtschaft traf, verloren 20 Millionen Menschen ihre Jobs und die Wall Street befand sich im Panik-Modus. Kein Wunder in Anbetracht der Tatsache, dass der S&P 500 in nur einem Monat über 30% an Wert verlor. Die Federal Reserve, also die US-Notenbank, versuchte mittels eines historisch einmalig umfangreichen Anleihenkaufprogramms, die negativen Effekte für den Kapitalmarkt abzufedern. Insgesamt 120 Milliarden Dollar flossen monatlich in diese Maßnahmen. Und es funktionierte. Die Aktienmärkte erholten sich rasant trotz der Corona-Pandemie, die Gesellschaft und Wirtschaft weiterhin fest im Griff hatte. In Europa versuchte die EZB mit ähnlichen Mitteln, Wirtschaft und Kapitalmärkte zu stabilisieren.

 

Tapering als Weg in die Normalität

Da es sich bei den Anleihekäufen um eine Notfall-Maßnahme handelte, war ebenfalls klar, dass die Notenbanken diese Maßnahmen früher oder später wieder zurücknehmen müssten. Nicht zuletzt wegen der kontinuierlichen steigenden Inflationsraten. Tapering war also nur eine Frage der Zeit, was bei Anlegern zu Sorgenfalten führte. Die Befürchtung: Eine zu schnelle Drosselung der Anleihenkäufe könnte die Wirtschaft in der Erholung treffen und zurück in eine Rezession stürzen. Ein ähnliches Szenario hatte der Kapitalmarkt bereits 2013 erlebt, ein so genanntes „Taper Tantrum“.

 

Gefahr „Taper Tantrum“

Damals kündigte die Fed ebenfalls an, Tapern zu wollen, nachdem sie als Reaktion auf die Finanzkrise 2008 ein großes quantitatives Lockerungsprogramm mit Anleihenkäufen gestartet hatte. Die Ankündigung führte zu großen Abverkäufen bei Anleihen-Investoren und einem schnellen Preisabsturz. Anleihenrenditen wiederum schossen nach oben. Das führte zu höheren Kredit-Raten, was es Unternehmen erschwerte zu investieren. Für eine Wirtschaft im Erholungsmodus ein Nackenschlag. Und offenbar genau das Szenario, was auch die Fed vermeiden will.

 

Plan geglückt?

Das scheint ihr bisher zu gelingen. Als die Fed ankündigte, noch im November die Anleihenkäufe um 15 Milliarden Dollar monatlich zu reduzieren, setzte keine große Panik ein. Die Investoren waren durch vorausschauende Kommunikation bereits im Bilde über die bevorstehende Entwicklung. Stattdessen bewegten sich einige der großen Indizes sogar aufwärts. Mit der bisherigen Timeline wäre ein vollständiges Ende des Programms 2022 erreicht. Trotzdem behält sich die Fed bei Abkühlung des Wirtschaftsklimas vor, das Tapering zu verlangsamen oder zu stoppen.

 

Mit Augenmaß vorwärts

Wie es nun weiter geht, hängt zu großen Teilen auch von der Entwicklung der Inflationsraten und der Realwirtschaft ab. Mut macht die Einschätzung von DJE Research Leiter Stefan Breintner im aktuellen Solidvest Marktkommentar: „Die Inflation wird unserer Meinung nach 2022 im Gesamtjahr unter dem Niveau dieses Jahres liegen.“ Auch in Europa steht noch eine Entscheidung zum Thema Tapering an. Beruhigend für Anleger ist in jedem Fall, dass die Fed unter Chairmann Powell bisher mit großer Vorsicht und viel Augenmaß im Sinne der Kapitalmärkte agiert. So konnte einem erneuten Taper Tantrum wie 2013 vorgebeugt werden.

Sebastian Hasenack

Der Autor

Sebastian Hasenack

Herr Hasenack ist studierter Diplom-Ökonom und beschäftigt sich seit 2015 mit digitaler Geldanlage. Er ist Mitgründer der ersten digitalen Vermögensverwaltung aus Luxemburg. Als verantwortlicher Geschäftsführer konnte er B2C sowie B2B-Modelle eines FinTechs begleiten. Vor der online Variante arbeitete Herr Hasenack im Portfolio- und Fondsmanagement einer klassischen Vermögensverwaltung. Bei Solidvest ist Herr Hasenack als Leiter verantwortlich für Vertrieb und innovative Kooperationsmodelle.

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